Donnerstag, 2. August 2012

Buchkritik: Paul Beldt, Wollmann widersetzt sich

Ein Hausmann sieht rot


Paul Beldt und sein lustiger Roman um einen einsamen Helden

Bernd Wollmann ist 46 Jahre alt und mit eienr Politikerin aus dem
Justizministerium in Berlin verheiratet. Er hat ihren Namen oder besser
den ihres ersten Ehegatten angenommen, seinen PR-Job aufgegeben
und schmeißt den Haushalt inklusive Kochen, Wäsche und Rasen- und
Blumenpflege. Jutta Wollmann zieht sich korrekt an, ist schlank und
vielbeschäftigt. Also das krasse Gegenteil ihres Gatten, der sich mehr
und mehr verändert. Er langweilt sich, fühlt sich unmännlich. Der
Angepasste, der Dinge wie bequeme Sessel liebt, hat eines Tages
keine Lust mehr, ohne große Würdigung seiner Tägigkeiten das Haus
perfekt in Schuss zu halten. Also freundet sich Bernd Wollmann mit
einem achtjährigen Mädchen aus der Nachbarschaft an, um Pirat
zu werden. Zoe heißt das Mädchen mit der Piratenflagge, die ihn zu
stehlen und schwarz mit der U-Bahn fahren lehrt, ihn ein Kaninchen
namens "Ratte" küssen lässt und ihn auch sonst auf Trab hält.
Denn in der heimischen Villa ist Anarchie eingezogen. Bernd "pariert"
nicht mehr. Er bereitet kein ausgeklügeltes Essen mehr zu oder
dekoriert alles liebevoll mit Blumen. Stattdessen wird seiner Frau
von seiner Exkusion als Flitzer zur norwegischen Botschaft berichtet.
Was sie nicht witzig findet. Es gibt Streit. Auch eifersüchtig ist Bernd
urplötzlich auf Juttas Kollegen Gunnar, mit dem sie viel Zeit verbringt.
Er ist schlank, sportlich und lässt sich pausenlos etwas für seine
Partnerinnen einfallen. Geschrieben ist das alles so skurril, dass einem
die Tränen vor Lachen kommen. Wer die absurden Romane von Arto
Paasilinna kennt, wird sich freuen. Es scheint so, als ob ein Deutscher
in seine Fußstapfen tritt. Der Autor versteckt sich hinter dem Pseudonym
Paul Beldt. Er lebt mit Ehefrau und Tochter in Berlin, mag gutes Essen
und guten Wein. Aufgewachsen ist er in Japan und im Iran.
Das Buch, in dem der Hauptdarsteller aus Protest in ein Zelt vor dem
Haus zieht, ist ein hervorragender Sommerroman für den Urlaub.
(c) Corinna S. Heyn


Paul Beldt,
Wollmann widersetzt sich.
Heyne Verlag 2012
Paperback
Preis: 8,99 Euro

Sonntag, 27. Mai 2012

Buchkritik: Arto Paasilinna, Vom Himmel in die Traufe



Ein finnisches Schurkenstück

Arto Paasilinna, Vom Himmel in die Traufe

Eine in Pelz gekleidete Schwedin stürzt mit dem
Heißluftballon vom Himmel. Der tapfere Naturbursche
Hermanni Heiskari angelt gerade an einem Eisloch,
als die reiche Lena Lundberg aus der Luft hinabsegelt.
Er schleppt sie in Ermangelung eines Schlittens auf
dem Rücken zu verschiedenen Hütten, um die Verletzte
schlussendlich ins Krankenhaus zu bringen. Sie sind
ein komisches Paar: er, der arme Holzfäller und sie,
die steinreiche, vornehme Reederin. Heiskari findet
sie anziehend. Sie ihn wohl auch, denn sie vergisst
ihm seine Wohltaten nicht. Stattdessen schickt sie
Heiskari ihren Abgesandten namens Ragnar Lundmark,
der ihm von nun an als Butler zur Seite stehen soll.
Ein Jahr lang soll es Hermanni an nichts fehlen. Der
Bote ist zunächst wenig vom arbeitslosen Holzfäller
angetan, der sich zu allem Übel auch noch für einen
Aufstand der Arbeitslosen stark macht. Sie sollen
die Ausbeuter Tag und Nacht in einem offenen Protest
bespitzeln und ihnen Angst machen. Magenschwüre würden
die Folge sein. Nach anfänglichen Zechtouren der beiden
verlangt Gönnerin Lena von ihrem Onkel Ragnar, dass er
aus Heiskari einen vornehmen Gentleman macht. Dieser
wird neu eingekleidet und muss mit fast 50 Jahren neu
gehen lernen, weil dessen Gang für Rangar's Begriffe
einfach zu sehr nach einer Durchquerung von Sümpfen
aussieht als nach einem angemessenen Gehen. Es ist
herrlich, der schwülstigen Sprache Arto Paasilinna's
und seinen verqueren Einfällen zu folgen. Als Lena
mit Hermanni in einem Verlobungszelt übernachtet und
nackt schwimmt, sind rund 50 Teleobjektive auf sie
gerichtet. Doch nicht auf ihren wohlgeformten Körper,
sondern auf seltene Vögel. Ornithologen - Vogelkundler -
sitzen im Gebüsch. Ragnar und Hermanni gehen erneut
auf "Bildungs-"Reisen. Golfspielen, Englisch lernen
und sogar ein Tangokurs mit Ragnar als "Partnerin"
stehen auf dem Programm. Dabei erhält Lena regelmäßige
Berichte von Ragnar Lundmark, auch aus Dublin.
Sowohl der Onkel als auch seine Nichte werden von
Heiskari's Plänen zur Arbeitsmarktpolitik angestachelt.
Denn diese begleiten den arbeitslosen und jetzt verlobten
Holzfäller auch in ferne Länder wie Neuseeland, Japan,
den Cook-Inseln. Und auf Tahiti entwirft er Guerilla-
Strategien. Von der Südsee wollen die Kumpane gar nicht
mehr weg, aber die energische Lena will heiraten und
die Hochzeitsreise mit Hermanni in einem Heißluftballon
antreten. Wo der Ballon landet, da will sie sich niederlassen.
Erneut hat Arto Paasilinna eine bezaubernde Fabel gesponnen,
in die jeder gerne lachend ein- und am liebsten gar nicht
mehr auftaucht.
(c) Corinna S. Heyn


Arto Paasilinna,
Vom Himmel in die Traufe.
Roman.
Aus dem Finnischen von Regine Pirschel.
Bastei Lübbe PB 2011.
Preis: 8,99 Euro
www.luebbe.de

Montag, 30. April 2012

Hinreißend versponnen und unterhaltsam


Ein Schelmenstück aus Finnland

Arto Paasilinna: Die wundersame Reise einer finnischen
Gebetsmühle

Arto Paasilinna hat eine blühende Phantasie. Der
populärste SChriftsteller aus Lappland schrieb
schon mehr als 40 Romane und sticht mit seinem
hintergründigen Humor fast die Briten aus. In
seinem neuesten Werk begeben sich zwei Finnen
auf Weltreise. Der soeben aus Altersgründen
entlassene Lauri Lokonen und der Erfinder Kalle
Homanen wollen eine neue Gebetsmühle unter die
Leute bringen. Ausgestattet ist der Prototyp
aus Holz mit einem kleinen Aufnahmegerät sowie
einem Handy. Die beiden Freunde fliegen nach
Indien, nehmen Gebete in Hindi auf, besuchen den
Dalai Lama, dem sie zwei Mungos schenken und fahren
in China in deutschen Hochgeschwindigkeitszügen.
Anscheinend humpelt das oberste geistliche
Oberhaupt der Tibeter wegen eines Fußleidens. Und der
Dalai Lama gibt seine Absolution für die Gebetsmühle.
Doch in einer indischen Maschine geht das Modell
versehentlich los und es erheben sich Obszönitäten
in verschiedenen Sprachen. In China retten
die Männer alle Insassen des Zuges vor einem
Großbrand, indem die beiden mannhaft Bäume
fällen und damit auf die Feuerherde eindreschen.
Paasilinna lässt keinen Unsinn aus, auch nicht
mit den absurden Erfindungsideen des Kalle Homanen,
der sich sogar eine Vorrichtung zum Beziehen von Bett-
bezügen ersinnt. Wörtliche Rede kommt eher selten
vor, dafür eine Hirnakrobatik die seinesgleichen sucht.
"Die spinnen die Finnen", ist man versucht zu sagen
wie einst nach dem Sieg der Schocker-Rocker Lordi
beim damaligen Eurovision Song Contest. Es ist
äußerst vergnüglich, den Spinnereien zu folgen,
denen immer ein intelligener und ernster Kern
innewohnt wie dem Tibet-Konflikt. Ach ja, Autobahnen
aus Kunststoff für die Asiaten und Europäer findet
Kalle Homanen auch ganz bahnbrechend...
(c) Corinna S. Heyn


Arto Paasilinna,
Die wundersame Reise einer finnischen
Gebetsmühle.
Aus dem Finnischen von Regine Pirschel.
Lübbe Ehrenwirth 2012
Preis: 18,99 Euro
www.luebbe.de